Der Wasserträger
Bildhauer Romualdas Kvintas. 2020
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Du bist ein dunkles Amulett, in Litauen gefasst,
Mit altersgrauer Schrift, von Moos bedeckt und Flechten:
Ein jeder Stein ist Buch, Wände sind Pergamente.
Die Nacht für Nacht geheimnisvoll die Seiten wenden,
Wenn ein Wasserträger auf der alten Synagoge
Frostklamm sein Bärtchen streicht und Sterne zählt.
Denkmal für den Idealismus
Das Handwerk des Wasserträgers war in Vilnius seit jeher von Bedeutung, auch wenn es von den ärmsten Einwohnern der Stadt ausgeübt wurde. Der Held der Skulptur verkörpert den Idealismus, von dem es selbst in den schwersten Zeiten reichlich gab.
Romualdas Kvintas (1953–2018)
Der litauische Bildhauer Romualdas Kvintas ist für zahlreiche Werke bekannt, etwa für Skulpturen zum Gedenken an Vytautas Kernagis in Nida, an den Schriftsteller Romain Gary, den Arzt Dr. C. Schabad, den Sänger D. Donskis und den Sprachwissenschaftler J. Jablonskis. Im Herbst 2015 wurde in der Stadt Rusnė eine Skulptur von Kvintas zu Ehren von Hermann Kalenbach und Mahatma Gandhi enthüllt; im Herbst 2017 folgte seine Statue des Kirchenreformators Martin Luther in Vilnius. Im Herbst 2019, ein Jahr nach dem Tod des Bildhauers, wurde eine Skulptur zum Gedenken an den Sänger, Dichter und Künstler Leonard Cohen enthüllt.
Die Skulpturen von Romualdas Kvintas zeichnen sich durch Behaglichkeit und eine vollendete, feinfühlige, charaktervolle plastische Formgebung aus. Die Dargestellten erscheinen als gewöhnliche Menschen, und die Skulpturen entstehen in natürlicher Größe. Die unmittelbare Verbindung zwischen Skulptur und Betrachter ist das markanteste Merkmal im Schaffen von Romualdas Kvintas.
Moische Kulbak (1896–1937)
Moische Kulbak wurde in Smarhon (im heutigen Belarus, damals zum Russischen Reich gehörig) geboren, wuchs in einer religiösen jüdischen Familie auf, besuchte die staatliche jüdische Schule, abends den Cheder und später die Jeschiwas von Švenčionys und Woloschin. Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs zogen Kulbaks Eltern und Verwandte nach Minsk, während er an einem jüdischen Waisenhaus in Kaunas unterrichtete. 1919 zog er nach Vilnius. Von 1920 bis 1923 lebte er in Berlin. 1923 kehrte er nach Vilnius zurück, das ein Zentrum der jiddischen Literaturkultur war, wo er moderne jiddische Literatur am Real-Gymnasium (einem jiddischsprachigen Gymnasium) sowie am jiddischen Lehrerseminar unterrichtete. 1927 wurde er zum ersten Präsidenten des Jüdischen Welt-PEN-Clubs gewählt. 1928 zog der Schriftsteller nach Minsk (der Hauptstadt von Sowjet-Belarus), wo ein großer Teil seiner Familie lebte und ein reges jiddisches Literaturleben herrschte. 1937 wurde Kulbak zum „Volksfeind“ gestempelt, beschuldigt, Mitglied einer antisowjetischen Organisation und ein Agent des polnischen Geheimdienstes zu sein; seine Werke wurden verboten und er wurde in einem sowjetischen Gulag-Lager eingesperrt. 1937 wurde er hingerichtet (erschossen). Sein Grab ist unbekannt. 1956 wurde der Dichter rehabilitiert.
Gedichte und Prosa schrieb er zunächst auf Hebräisch, später auf Jiddisch. Kulbak gilt als ein Schöpfer von tiefem Intellekt und großem Geist, der in seinen Büchern die Philosophie der Kabbala und die jüdische Folklore mit westeuropäischem Denken und dessen literarischer Mentalität verschmolz. In vielerlei Hinsicht ist Kulbaks Werk eine Synthese der literarischen Moderne der litauischen Juden.
Eines der bedeutendsten Werke Kulbaks ist das Poem „Wilna“ (1926), das als das tiefste und schönste Werk über diese Stadt gilt. Mit sanftem elegischem freiem Vers, unerwarteten Metaphern und kühnen Verallgemeinerungen zeichnet der Dichter ein lakonisches und ausdrucksstarkes Bild von Vilnius.
Rede des Botschafters der Bundesrepublik Deutschland Matthias Sonn bei der Enthüllung der Skulptur „Der Wasserträger“ von Romualdas Kvintas am 19. Oktober 2020
2020 ist das Jahr des Gaon von Wilna, der vor 300 Jahren geboren wurde. Im Jahr 2020 hat Deutschland den Vorsitz der Internationalen Allianz für Holocaust-Gedenken (IHRA) inne. Alle IHRA-Staaten haben sich verpflichtet, der Vergangenheit direkt ins Auge zu sehen. Wir wissen, dass es unmöglich ist, die Gräueltaten ungeschehen zu machen, die Ermordeten wiederzubeleben oder die Barbarei rückgängig zu machen. Aber es ist möglich, zu lernen und sich daran zu erinnern, wie Litauen Teil jener größeren Region wurde, die Timothy Snyder „Bloodlands“ nannte. Hitlers scheinbar unaufhaltsame Macht sorgte dafür, dass vom 22. Juni 1941 an, als das nationalsozialistische Deutschland die Sowjetunion überfiel, alle verbliebenen Maßstäbe der Zivilisation über Bord geworfen wurden. Ganze Kategorien von Menschen, jung und alt, verloren das elementarste Menschenrecht – das Recht auf Leben. Das Wort „Schoah“ bezeichnet keine Verfolgung für das, was jemand getan, gesagt oder gedacht hat, sondern dafür, wer jemand „ist“: den Völkermord.
Der Tod selbst wurde, wie es der rumänisch-jüdische Dichter Paul Celan 1945 in seiner unvergleichlich eindringlichen „Todesfuge“ formulierte, „ein Meister aus Deutschland“. Celan schrieb auf Deutsch, daher zitiere ich das Original – „der Tod ist ein Meister aus Deutschland“. So blieb es: der Tod, ein Meister aus Deutschland, bis 1945. Die historische Verantwortung bleibt. Sie bleibt natürlich vor allem bei uns Deutschen. Heute und für alle Zeiten.
Das völkermörderische Streben des nationalsozialistischen Deutschlands stellte jedoch auch die „Bloodlands“ vor moralische Entscheidungen, denen mit Ehre standzuhalten nahezu unmöglich war; darunter Litauen. Ja, die „Gerechten unter den Völkern“ sind eine mutige, aber kleine Schar. Überall und nirgends. Und es ist für jedes Land ein schwerer, quälender Prozess, in den Spiegel der eigenen historischen Ambivalenzen zu blicken. Vor allem dann, wenn diese Dilemmata, diese Ambivalenzen von außen aufgezwungen und nicht hausgemacht waren.
Heute zolle ich der Stadt Vilnius, dem einstigen „Jerusalem des Nordens“, Anerkennung – dafür, dass sie ihren Beitrag leistet; dass sie der historischen Ehrlichkeit dient; dass sie der fast unwiderstehlichen Versuchung widersteht, ein bequemes, undifferenziertes, entlastendes Narrativ der eigenen Opferrolle zu pflegen; dass sie uns ein Mahnmal gibt, einen Ort, ein Bild, das uns allen hilft, uns daran zu erinnern, was hier mutwillig und brutal zerstört wurde – Hunderte Jahre jüdischen Lebens, jüdischer Gelehrsamkeit, jüdischer Kultur, der jiddischen Sprache als lebendigem, gesprochenem Medium.
Zuallererst danke ich dem Bürgermeister von Vilnius, ich danke Ihnen, lieber Remigijus Šimašius. Die bescheidene Statue des „Wasserträgers“, die wir heute enthüllen, ist ein kleines „Aide-mémoire“, wie wir Diplomaten sagen: Juden spielten einst eine besonders wichtige Rolle im damaligen Wilno oder Wilna. Sie machten es zu einem intellektuellen Zentrum Europas, das „Jerusalem des Nordens“ genannt wurde. Etwa 95 % der litauischen Juden wurden ermordet, während mein Land hier herrschte. 1945 schließlich eroberte die Rote Armee Berlin und befreite uns Deutsche von Hitler – nur um seine Herrschaft durch Stalins Repression zu ersetzen. Das litauische Geschichtsmuseum, untergebracht in der ehemaligen Gestapo- und KGB-Zentrale am Gedimino-Prospekt, erzählt diese Geschichte. Seine Internetadresse lautet genocidas.lt. Deshalb braucht es eine solche transzendente Skulptur.
Der neue Wasserträger von Vilnius, ein Werk des vor zwei Jahren verstorbenen Bildhauers Romualdas Kvintas, ist für mich ein einzigartig passendes Mahnmal. Romas Kvintas zeigt uns nicht einen der Großen und Guten jüdischer Gelehrsamkeit, Kunst oder Literatur. Was wir sehen, ist ein bescheidener Mann in seinem bescheidenen Leben, einem Leben harter Arbeit und geringen Ehrgeizes, einem Leben ohne Anmaßung. Gewiss ein harmloses Leben. Genau deshalb berührt mich dieses Denkmal so monumental: weil es ganz und gar nicht monumental ist, fast schon betont auf Augenhöhe mit uns. Und doch blickt dieser einfache Arbeiter zum Himmel empor. Sieht er dort die Sterne? Spenden sie ihm Trost?
Ich komme zum Schluss. Ein halbes Jahrhundert lang wurden zwei ostdeutsche und litauische Generationen hinter dem Eisernen Vorhang gefangen gehalten, bis sie sich die Freiheit zurückerobern konnten – jene nämlich, deren Familien nicht unter der nationalsozialistischen deutschen Besatzung ermordet worden waren.
Gemeinsam unterstützen Litauen und Deutschland heute die Menschen in Belarus, damit auch sie endlich dasselbe erreichen. Lassen Sie uns unsere Freiheiten genießen und in Zeiten von Corona verantwortungsvoll mit ihnen umgehen. Möge diese Statue des Wasserträgers unsere Empathie stärken, unseren Willen, an die Armen zu denken, an jene, die Hilfe brauchen. Sein Blick zum Himmel lässt uns begreifen, wie privilegiert wir sind. Wie dankbar wir sein müssen, in so viel besseren Zeiten zu leben – weit entfernt von den Schrecken, die dieser Wasserträger gesehen haben muss. Und wie könnten wir dankbar sein, wenn wir zuließen, dass diese Schrecken in Vergessenheit geraten?
Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Aufmerksamkeit.